Plotten für Dummies - Teil 3: Die Schneeflocke

Herzlich Willkommen zum Schreibtipp Freitag! Schön, bist du wieder mit dabei.

Falls du den letzten Schreibtipp verpasst hast, findest du ihn hier.

 

Ich hoffe, ihr hattet alle schöne Osterfeiertage und seid mir nicht allzu böse, weil es am Karfreitag keinen neuen Artikel gab.

Diese Woche zeige ich euch die Schneeflocken-Methode, die wohl bei vielen Autoren sehr polarisiert. Ich selbst komme mit ihr so gar nicht klar und habe irgendwann frustriert aufgegeben. Aber es gibt viele Autoren, die auf diese Methode schwören.

Wie immer: Probiert sie aus und findet selbst heraus, ob die Methode etwas für euch ist, ob ihr sie mit anderen Methoden kombinieren könnt oder ob sie so gar nicht für euch funktioniert.

 

Diese Variante des Plottens ist sehr kompliziert und aufwändig. Vielleicht müsst ihr euch die einzelnen Arbeitsschritte mehrmals durchlesen. Wer gut Englisch kann, kann sehr gerne die originale Snowflake-Seite durchackern.

Als ein Astrophysiker sich dem Bücherschreiben zuwandte    

Die Schneeflocken-Methode wurde von Randy Ingermanson entwickelt. Eigentlich war er Physiker, versuchte sich aber am Schreiben von Romanen. Irgendwann (ich habe nirgends eine genaue Jahreszahl entdeckt), nachdem er über zehn Jahre lang Ratgeber auseinandergenommen hatte, entwickelte er für sich die Schneeflocken-Methode, um damit hoffentlich bessere Bücher schreiben zu können.

 

Wenn man sich die Methode genauer anschaut, bemerkt man seinen doch sehr technischen Hintergrund sehr, jedenfalls wenn man so ein Kreativchaot ist wie ich. Randy schrieb mit dieser Methode sechs Romane, die zwar Preise abgeräumt haben, aber nie auf den Bestsellerlisten gelandet sind. Berühmt wurde er wegen der Schneeflocke, die er auf seinem Blog gepostet hatte. Heute kennt man ihn eigentlich nur als «The Snowflake Guy».    

Für wen ist die Methode überhaupt geeignet?    

Gerade weil die Methode so kompliziert und eher technisch gehalten ist, ist sie nicht für jeden geeignet.

Falls du bisher Probleme damit hast, aus dem Kuddelmuddel an Ideen, die in deinem Kopf oder deinem Notizbuch rumschwirren, einen schlüssigen Plot zu machen, dann kann dir die Schneeflocke helfen. Falls du eine einzige, fixe Idee hast, aber keine Ahnung, wie du daraus einen ganzen Roman bauen kannst, dann kann dir die Schneeflocke ebenfalls helfen. Wenn du Struktur ins Chaos bringen möchtest und gerne sehr logisch und geradlinig arbeitest, dann kann dir die Schneeflocke helfen.

Der Grundgedanke

Ich gehe mal davon aus, dass du weißt, wie eine Schneeflocke aussieht. Bei Nahaufnahmen kannst du genau erkennen, dass jeder Strang sich schier unendlich in immer kleinere Stränge teilt und verästelt.

Die Plotmethode arbeitet sehr ähnlich. Sie fängt mit einem einzigen Satz an, den man Schritt für Schritt so weit ausbaut und ausschmückt, bis man ein dichtes Geflecht hat. Das sieht dann so aus:

 

Sieht eigentlich relativ einfach und logisch aufgebaut aus, nicht? Gut, dann geht es jetzt ans Eingemachte.

 

Kleine Anmerkung: Dieser Artikel ist zu kurz, um wirklich detailliert darauf einzugehen. Ich übernehme die Übersetzung aus dem Tintenzirkel-Forum. Wer sich intensiver damit befassen möchte, kann sich diesen wirklich fundierten Beitrag auf schriftsteller-werden.de ansehen.

Die Zeitangaben sind in meinen Augen relativ. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.    

Die 10 Schritte der Schneeflocken-Methode

Schritt 1: Nimm dir eine Stunde Zeit und schreib einen Satz, der die Handlung deines geplanten Buches zusammenfasst. Klar, nicht jedes Detail wird zur Sprache kommen, aber das große Motiv sollte klar erkennbar sein.

 

Beispiel: Ein junger Prinz wird um sein Erbe gebracht und macht sich auf den Weg, Königreich und Krone für sich zurückzuerobern.

 

Der Satz sollte nicht zu lang sein, je kürzer er ist, umso besser. Benutze keine Namen für deine Charaktere, auch keine Platzhalter. Was der Charakter ist sagt mehr aus, als wer er ist. Konzentriere dich dabei auf den Charakter, der der Protagonist sein wird, der am meisten zu verlieren hat, aber auch am meisten gewinnen kann.

Dieser Satz wird das Leitmotiv sein und dich die gesamte Planung hindurch begleiten.

 

Schritt 2: Nimm dir eine weitere Stunde und erweitere den einzelnen Satz auf 5 Sätze. Geh dabei nach folgendem Schema für die Sätze vor:

Der erste Satz beschreibt die Ausgangssituation, die folgenden drei Sätze beschreiben Punkte, die der Handlung einen Wende geben, Satz 5 beschreibt das Ende des Buches. 

Wir haben es hier also mit einem klassischen Fünfakter zu tun. Wer will, kann auch mit drei Akten arbeiten, je nach Gusto.

 

Beispiel: Der Prinz ist der rechtmäßige Erbe eines Königreiches. Am Tag seiner Krönung kommt es jedoch zu einem Putsch und er flieht zusammen mit seiner Mutter ins Exil. Als seine Mutter stirbt, bereitet der Prinz mit ein paar Getreuen seine Rückkehr vor.  Einer seiner Freunde verrät den Prinzen und kurz vor Erreichen seines Ziel landet er im Kerker. Er kann fliehen, stellt die Thronräuber und den Verräter und gewinnt sein Königreich zurück.

 

Schritt 3: Man hat jetzt schon einen groben Überblick über die Geschichte. Nun braucht man Personal, um sie mit Leben zu füllen. Charaktere sind sehr wichtig für die Geschichte, daher nimm dir entsprechend Zeit, um sie auszuarbeiten. Beginne für jeden Charakter eine neue Seite und arbeite folgende Punkte ab:

 

-   Name des Charakters

-   Ein-Satz-Zusammenfassung der Geschichte des Charakters (siehe Schritt 1)

-   Die Motivation des Charakters (Gerechtigkeit, Liebe, Freundschaft etc.)

-   Das Ziel des Charakters (Der Prinz will sein Königreich zurück)

-   Was hindert ihn daran, sein Ziel zu erreichen? (Personen, Umstände, Gefühle etc.)

-   Die Konsequenz (was lernt der Charakter, wie verändert er sich persönlich/emotional etc.)

-   Die Fünf-Sätze-Zusammenfassung der Geschichte des Charakters (siehe Schritt 2)

 

Wenn sich aus diesen Beschreibungen Änderungen für die Geschichte ergeben, ändere sie auch entsprechend in Schritt 1 und Schritt 2. Das kannst du an jedem Punkt der 10 Schritte machen, Änderungen ergeben sich ja quasi von selbst und man sollt sich und seine Kreativität nicht in ein Korsett quetschen, nur weil der bisherige Plan anders aussah. Es ist besser, schon jetzt Änderungen einzuarbeiten als während des eigentlichen Schreibens, was meist mit wesentlich mehr Arbeit verbunden ist.

 

Schritt 4: Nimm die Zusammenfassung aus Schritt 2 und mach aus jedem der 5 Sätze einen Absatz, der 5 Sätze hat. Achte darauf, dass jeder dieser Absätze in einer „Katastrophe“ endet, an einem Wendepunkt der Geschichte. Der letzte Absatz erzählt das Ende des Buches.

Du hast jetzt schon ein ziemlich gutes Grundgerüst für deine Geschichten und neue Ideen, die du in die vorangegangen Schritte einarbeiten kannst. Nimm dir entsprechend Zeit dafür und ändere auch mal den Plan, wenn er dir besser erscheint.

 

Schritt 5: Nimm die Charakter-Übersicht aus Schritt 3 und beschreibe die Handlung aus der Sicht des entsprechenden Charakters. Somit wird sie für dich besser nachzuvollziehen. Für jeden Hauptcharakter schreibe ungefähr eine Seite, für Nebencharaktere reicht ein halbe Seite. Wenn sich Änderungen ergeben, arbeite sie auch diesmal ein. Lass dir dazu einen oder zwei Tage Zeit.

 

Schritt 6: Nimm die aus Schritt 4 geschriebenen Absätze und erweitere jeden Absatz zu einer kompletten Seite. Das kann ruhig eine Woche dauern. Du wirst sehen, deine Geschichte wird immer detaillierter und nimmt Gestalt an. Sollten sich logische Fehler einschleichen, wirst du sie jetzt früh genug bemerken. Du kannst frühzeitig reagieren und Änderungen nach wie vor einarbeiten.

 

Schritt 7: Lass dir eine weitere Woche Zeit und kümmere dich nun um die Charakterbeschreibungen aus Schritt 3. Verwandle sie in vollständige Charakterblätter und erweitere sie um alle Details, die dir über diese Figuren bekannt sind. Das können Aussehen, Geburtsdatum, Vergangenheit etc. sein. Lege besonderen Wert auf die Veränderungen, die der Charakter vom Anfang der Geschichte hin zum Ende durchmacht.

 

Schritt 8: Die Handlungszusammenfassung aus Schritt 6 unterteilst du jetzt in Szenen und arbeitest sie in eine Tabelle um. Lege jeweils eine Spalte für den Charakter an, aus dessen Perspektive du erzählst und eine für die Handlung. Du kannst noch mehr Spalten erstellen, zum Beispiel für den Ort der Handlung, die Zeit, das Ziel der Szene, die Motivation. Leg so viele Spalten an wie du brauchst. Jetzt sollte die Handlung überschaubar vor dir legen und Änderungen lassen sich durch verschieben der Szenen einfach bewerkstelligen. Änderungen kannst du nach wie vor einarbeiten.

 

Schritt 9: Öffne für jedes Kapitel, das du schreiben willst ein neues Dokument und schreibe für die Szenen aus Schritt 8, die darin enthalten sein werden, einen Absatz. Hier kannst du auch schon coole Dialoge einfügen, wenn sie dir durch den Kopf schwirren. Füg hinzu, was dir einfällt. Wichtig ist: jede Szene sollte Konfliktpotenzial haben. Tritt kein Konflikt auf, arbeite die Szene um oder streiche sie komplett. 

 

Schritt 10: Jetzt geht es mit der eigentlichen Schreibarbeit los. Du hast jetzt einen Plan, ausgearbeitete Charaktere, eine Übersicht über jede Szene und jedes Kapitel. Leg dir alles zurecht und fang an, das Buch zu schreiben!    

Verdauungsarbeit und Einschätzung    

Puh, ganz schön dicke Brocken, nicht? Wie eingangs schon erwähnt lohnt es sich vermutlich, die einzelnen Schritte mehrmals durchzulesen – und vor allem auszuprobieren. Vielleicht hast du eine Idee, aus der einfach nichts werden will, oder die du bereits abgeschrieben hast. Ideal, um die Methode zu testen, finde ich. Denn die Schneeflocke muss man definitiv mehrmals anwenden, um mit den einzelnen Schritten weit genug vertraut zu sein, um sich nicht von der strikten Struktur eingeengt zu fühlen.

 

Meine persönliche Einschätzung zur Schneeflocke ist die, dass ich es nie geschafft habe, richtig mit ihr zu arbeiten. Ich habe jedes Mal nach wenigen Schritten aufgegeben, weil ich im Kopf und von den Ideen her eigentlich schon bei Schritt 8 war, aber sein nicht durfte.

Nebenhandlungen werden auch zu wenig berücksichtigt und es wird zu wenig Wert auf die Figuren gelegt. Denn meiner Meinung nach sind es die Figuren, aus denen die Handlung entsteht, nicht umgekehrt. Vielleicht ist genau das der Grund, weswegen ich nie richtig warm geworden bin mit der Schneeflocke. Mir liegen die Heldenreise und die 7-Punkte-Methode definitiv besser.

 

Aber das ist meine persönliche Meinung und ich erhebe keinen Anspruch auf Richtigkeit. Probiere es selbst aus und wer weiß, vielleicht ist die Schneeflocke genau richtig für dich.    

Ich wünsche dir viel Erfolg dabei!

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Das gibt es nächste Woche:

Ein weiteres Interview! Fantasy-Autorin Tanja Rast stellt sich meinen Fragen und verrät und ihre besten Schreibtipps.