Figuren, die man nicht vergisst - Teil 1

Herzlich Willkommen zum zweiten Schreibtipp Freitag! Schön, bist du wieder mit dabei.

Falls du den letzten Schreibtipp verpasst hast, findest du ihn hier.

Diese Woche (und auch die nächsten) geht es um die Figuren, die unsere Geschichten bevölkern. Aber warum fange ich mit den Figuren an, statt dir zu zeigen, welche Möglichkeiten es gibt zu plotten oder wie man richtig Weltenbau betreibt?

 

Ganz einfach: Deine Figuren sind essentiell. Ohne Charaktere hast du keine Geschichte, denn sie sind es, die sie erzählen. Da nützt dir alles plotten nichts, wenn du nicht weißt, wer deine Figuren sind, was sie da überhaupt sollen und wohin sie gehen müssen, um das Ziel deiner Geschichte zu erreichen.    

Was war zuerst da: Figur oder Geschichte?

Das ist eine Frage wie die mit dem Ei und dem Huhn. Sauschwer zu beantworten und vor allem zieht sie jede Menge Debatten nach sich. Weil ich keinen philosophischen Diskurs mit dir führen möchte – obwohl das sicherlich auch sehr spannend wäre -, sondern dir Schreibtipps geben will, halte ich mich kurz und knackig.    

Gehen wir kurz zurück zu den Ideen. Bei mir sieht der Beginn eines Projektes folgendermaßen aus: Ein kleiner Film läuft in meinem Kopf ab, eine Szene irgendwo mittendrin in einer Geschichte, die ich noch nicht kenne. Da sind eine oder zwei Figuren im Zentrum, vielleicht mit einem kurzen Dialog oder sonst einer Tätigkeit, die sofort meine Aufmerksamkeit erregt. Wer sind die beiden?

 

Ich weiß instinktiv, dass die beiden Figuren Teil einer Geschichte sind, von der ich im Moment nur einen winzigen Ausschnitt sehe. Aber um den Rest der Geschichte zu erfahren, muss ich zuerst herausfinden, wer die beiden sind.

Du siehst, es ist schwer, Figur und Geschichte zu trennen, denn sie sind so eng miteinander verwoben, dass das eine ohne das andere nicht existieren kann. Die Figuren sind es, die eine Geschichte zum Leben erwecken.    

Menschen sind Geschichtenerzähler

Lange, bevor die Menschheit die Schrift erfunden hat, erzählte man sich Geschichten. Geschichten über Helden, Götter und Zauberer. Völker überlieferten ihre ganze Kultur mündlich von Generation zu Generation. Es gab Geschichtenerzähler, die nichts anderes als das taten. Die modernen Varianten davon wären zum einen die Märchentante, zum anderen all die Schriftsteller und Filmemacher, die heute ihre Geschichten erzählen.

 

Eine der ältesten uns überlieferten Geschichten ist das Gilgamesh Epos. Stell dir das mal vor: Im alten Mesopotamien fingen vor 4000 Jahren ein paar Leute an, eine vermutlich noch ältere Geschichte über einen König und seinen Sidekick aufzuschreiben. Diese Geschichte wird ungefähr 3800 Jahre später (1853, um genau zu sein) aus dem Wüstensand geborgen und übersetzt. Heute weiß fast jeder, wer Gilgamesh und Enkidu waren und wie ihre Geschichte ausgeht, und wenn nicht, findet man dank Google in Sekundenschnelle den vollständigen Text.

(Unnützes Wissen am Rande: Das Gilgamesh Epos wurde sogar ins Klingonische übersetzt.)

Was Gilgamesh und Harry Potter gemeinsam haben

Du denkst jetzt bestimmt, dass ich verrückt geworden bin. Ein 4000 Jahre alter, vermutlich fiktiver König und ein definitiv fiktiver Zauberschüler können nie und nimmer Gemeinsamkeiten haben.

Doch, können sie. Und zwar sogar mehrere.    

Gilgamesh war damals weit verbreitet und sehr bekannt. Es war eine der berühmtesten Geschichten überhaupt. Harry Potter ist heute genau das gleiche. Beide Geschichten erzählen von einem Helden, der im Verlauf der Story wächst und sich entwickelt, der scheitert und nach Antworten sucht. Beide verlieren Menschen, die ihnen alles bedeuten und verzweifeln daran.

Kurz, sie erzählen von der Human Condition, des menschlichen Befindens. Dieselben Themen, von denen uns das Gilgamesh Epos erzählt, sind auch heute noch relevant. Menschlichkeit und was sie ausmacht, die Suche nach Antworten, Moral, Ethik, Freundschaft, Liebe, Tod, Leben und alles dazwischen.

 

Genau das ist es, was das Geschichtenerzählen für mich so spannend macht. Die Form mag sich in den letzten 4000 Jahren verändert haben, aber eigentlich erzählen wir immer noch die gleichen Geschichten.    

Figuren erschaffen, die atmen

Deine Aufgabe als Geschichtenerzähler – und nichts anderes sind wir Autoren – ist, Figuren zu erschaffen, die so lebendig wirken, dass man sie nicht vergessen kann. Wir merken sofort, wenn ein Charakter flach ist und wie ein Strichmännchen daherkommt. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist Bella Swan aus Twilight. Sie hat zwar viele Adjektive bekommen, wie man sie sich vorstellen soll, doch ihre Persönlichkeit ist so flach wie die Werbebeilage in der TV-Zeitschrift. Ich kann mich, obwohl ich drei der Bücher sowie zwei der Filme gesehen habe, nur an sie erinnern, weil ich weiß, wie Kristen Stuart aussieht. 

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Kylo Ren aus den neuen Star Wars Filmen.

(Achtung, milde Spoiler!)

 

In Episode 7 wurde er uns als einer der Bösewichte vorgesetzt, doch spätestens in der Verhörszene mit Rey und der einen Unterhaltung mit Snoke war uns klar, dass Kylo Ren mehr zu bieten hatte (was dann ja auch gezeigt wurde im Finale des Films). Und dann kam Episode 8, wir bekamen die Forcetime-Sessions mit Rey und ja, wir bekamen einen Blick auf Ben Solo. Wir fingen uns an zu fragen, was fast 30 Jahre Manipulation und Missbrauch durch jemanden wie Snoke verursachen können und wünschen uns ein Happy End für ihn (mit Rey *hüstel*). Ich jedenfalls kann Episode 9 kaum erwarten.

Für mich ist der Unterschied sehr klar. Die eine Figur, Bella Swan, ist ein Strichmännchen auf einer Wandtafel. Kylo Ren ist ein 3D-Hologram, das mit jeder neuen Information, die wir über ihn bekommen, facettenreicher, detaillierter und vor allem echter wird. Die eine Figur fasziniert uns von Anfang an, macht uns neugierig und lässt uns mitfiebern, auch wenn sie moralisch einen anderen Weg einschlägt als wir. Die andere Figur lässt uns ungeduldig werden und genervt, wir langweilen uns und wenden uns irgendwann ab. Die eine Figur atmet wie wir, die andere nicht.

 

Deine Aufgabe als AutorIn ist es, solche atmenden Figuren zu erschaffen. Solche, die ein Leser nicht so schnell vergisst, die ihn noch begleiten, wenn er das Buch längst zugeschlagen hat.

 

Wie man das angeht, zeige ich dir nächste Woche.    

Deine Wochenaufgabe

Nimm dir ein Blatt Papier und einen Stift. Schreib alle Figuren und Charaktere auf, die dir in den Sinn kommen. Das können z.B. Frodo oder Severus Snape sein, Jorg Ancrath, Padmé Amidala oder John McClain. Egal, ob aus einem Buch oder einem Film, wenn die Figur sich bei dir eingebrannt hat, dann notiere sie.

Schreib dir auf, warum du diese Figuren so faszinierend findest und was dein erster Eindruck von ihnen war, falls du dich noch daran erinnerst.

 

Als Beispiel von mir zu Jorg Ancrath aus der „Broken Empire“ Trilogie von Mark Lawrence: Mein erster Gedanke war einfach nur „Boah shit, der Junge ist krass“. Den Rest des ersten Buches habe ich mit einem breiten, manchmal ziemlich bösen Grinsen gelesen. Es würde die Grenzen dieses Artikels sprengen, wenn ich alles aufschreiben würde, warum ich Jorg so mag, obwohl er ein richtiger Fiesling, Antiheld und vielleicht sogar Bösewicht ist.

 

Also, schreib dir auf, welche Figuren du so faszinierend findest, dass du sie nicht vergessen kannst, und vor allem warum. Siehst du eine Gemeinsamkeit zwischen all den Charakteren?    

Ich wünsche dir viel Erfolg!

Falls du Feedback oder Fragen zu diesem Artikel hast, darfst du mir gerne eine Nachricht auf meine Pinnwand auf Facebook schreiben oder hinterlasse mir unten einen Kommentar. Ich werde deine Fragen so gut es geht beantworten. Auch von deinen Erfolgen will ich hören, also keine Scheu. Schrieb mir! Ich freue mich darauf.

Das erwartet dich nächste Woche:

Wir beschäftigen uns mit den Protagonisten und ich zeige dir, wie du am schnellsten zu lebendigen Figuren kommst.