Figuren, die man nicht vergisst - Teil 2

Der Protagonist

Herzlich Willkommen zum Schreibtipp Freitag! Schön, bist du wieder mit dabei.

Falls du den letzten Schreibtipp verpasst hast, findest du ihn hier.

 

Diese Woche schauen wir uns die Protagonisten unserer Geschichten etwas genauer an und ich zeige dir, wie du die Figuren auf ganz einfache Weise so gestalten kannst, dass sie atmen und lebendig wirken.

Die Hauptfigur, das unbekannte Wesen

Da steht er nun vor dir, dieser Kerl mit dem schiefen Grinsen und dem ledernen Umhang, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Er will, dass du seine Geschichte erzählst, aber er will dir weder seinen Namen noch sonst etwas verraten. Er kettet sich lieber an deine Beine und folgt dir auf Schritt und Tritt, wobei er dich volllabert und ab und zu auch jammert, dass du eine schlechte Autorin bist und eigentlich schon längst mitten in seiner Geschichte sein könntest.

 

Danke, liebe Hauptfigur. Nur leider kann ich so nicht arbeiten.

 

Natürlich gibt es auch Figuren, die dir sofort alles über sich verraten, was du wissen musst. Inklusive Hobbys und dem Namen ihrer Großmutter mütterlicherseits. Aber was, wenn da so gar nichts kommt? Dann musst du dich hinsetzen und ernsthaft mit der Figur arbeiten.

Am besten funktioniert das, wenn du einen Charakterbogen zu Hilfe nimmst. Dort vermerkst du nicht nur das Aussehen der Figur, sondern ihre Biografie, ihre Macken, ihre Talente, Beziehungen und vor allem ihre Ziele und Motive.

 

Ich selbst arbeite seit vielen Jahren mit dem Charakterbogen von Jacqueline Vellguth von schriftsteller-werden.de. Allerdings ist meiner etwas ausführlicher, denn ich habe irgendwann noch 100 Fragen angehängt, die ich meinen Figuren stelle (fragt mich nicht, woher ich die habe, ich weiß es beim besten Willen nicht mehr).

Habe ich dieses Dokument durchgearbeitet, habe ich am Ende ein sehr klares, rundes Bild von meinen Figuren und kenne sie in- und auswendig. Das ist für mich die schnellste Methode, um eine runde, atmende Figur zu bekommen. Während des Schreibens kann ich so auch immer wieder auf das Dokument zurückgreifen, falls ich mir bei einem Detail unsicher bin - oder Neues ergänzen, falls die Figur meint, mitten im Roman eine Vorliebe für Butterbrote entwickeln zu müssen.

 

Du kannst meine Datei hier downloaden:

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Charakterbogen
Charakterbogen.doc
Microsoft Word Dokument 56.5 KB

Motive, Ziele, Konflikte

Wie im letzten Artikel bereits angesprochen, sind deine Figuren, vor allem deine Hauptfiguren, die Verbindung zu deinen Lesern. Durch deine Hauptfiguren erzählst du deine Geschichte. Der Plot kann noch so platt sein, wenn deine Figuren die Leser mitreissen, verzeihen sie dir das meistens.

 

Was macht einen Protagonisten nun zu einer Figur, die die Leser in den Bann schlägt? Ihre Motive, ihre Ziele und ihre Konflikte. Warum machen sie etwas, wohin wollen sie, was wollen sie erreichen, und was steht ihnen dabei im Weg?

 

Die Motivation eines Protagonisten (und auch eines Antagonisten) strukturiert deinen Roman. Die Gründe, warum eine Figur etwas macht, machen seine Handlungen für den Leser nachvollziehbar. Der Leser kann sich so in die Figur hineinversetzen und taucht tiefer in die Handlung ein. Die wichtigste Frage, die du einer Figur also zu Beginn stellen solltest, ist: Warum?

Mit den Zielen verhält es sich ähnlich. Unser Held will vielleicht den bösen König vom Thron stoßen und zettelt eine Rebellion an. Das ist das Ziel. Seine Motivation kann z.B. die Ermordung seiner gesamten Familie durch diesen bösen König sein (also Rache).

 

Konflikte, innere wie äußere, sind das, was dein Protagonist auf seinem Weg zum Ziel überwinden muss. Innere Konflikte sollten immer eine Rolle spielen, denn die Überwindung ebendieser Konflikte haben eine Charakterentwicklung zur Folge. Deine Figur wächst und wird dadurch dynamisch. Meistens gelingt die Überwindung der äußeren Konflikte und das Erreichen des Zieles nur dank dieser inneren Entwicklung.

 

Als Beispiel nehmen wir wieder meinen Schubladenroman mit dem blauen Drachen und dem Kleinganoven. Jaromir, der Ganove, ist ein kleiner Schisser und nimmt immer den einfachsten Weg. Als er nach einem Anschlag auf den Königshof plötzlich der einzige ist, der den Prinzen (ein Kleinkind im Trotzalter) in Sicherheit bringen kann, muss er sich seinen Ängsten und vor allem seinem Egoismus stellen. Das dauert natürlich den ganzen Roman über und er erlebt herbe Rückschläge, aber am Ende nimmt er seine neue Rolle an und kann damit das Königreich retten.    

Die vier Typen und ihre Fallstricke

Jede Figur ist so individuell, wie du sie machst, schließlich sind wir Menschen auch jeder für sich einzigartig. Im Laufe der Jahre habe ich für mich jedoch vier Haupttypen ausgearbeitet, auf deren Grundlage ich meine Protagonisten entwickle.

  • Der Held/die Heldin: Der Klassiker schlechthin. Die strahlenden Heroen, die den Tag retten und von allen geliebt werden. Die Gefahr bei dieser Figur ist, dass du ihr zu wenig Tiefe und kaum Kanten und Fehler gibst. Schließlich ist die Figur eine der Guten. Tipp: Lass sie ein wenig im Dreck suhlen. Gib ihr Fehler, Schwächen, Versagensmomente, die sie überwinden muss.
  • Der Anti-Held: Ein Fanliebling und mein persönlicher Favorit. Wie der Name schon sagt eine Hauptfigur, die moralisch nicht ganz sauber ist, die Antithese zum strahlenden Helden. Vielleicht trinkt sie zu viel, hat eine Vorliebe für Blut und Schlachten und interessiert sich nicht dafür, dass das Reich dem Untergang gewidmet ist. Tipp: Hier musst du aufpassen, dass die Figur nicht zu unsympathisch rüberkommt. Gib auch ihr Schwächen und Fehler, aber das Wichtigste ist wohl ein gutes Herz, das unter dem Dreck und der harten Schale schlummert – und immer mal wieder zum Vorschein kommt.    
  • Der/die Auserwählte: Klischeefalle und vor allem bei Jugendbüchern sehr beliebt. Die normale, unscheinbare Schülerin, die angeblich die letzte Nachfahrin der Elfenkönigin ist und nun als einzige das Elfenreich retten kann. Der Junge mit der speziellen Gabe, über die nur er verfügt. Tipp: Vermische den Auserwählten mit dem Anti-Helden. Oder noch cooler, mach ihn zum Antagonisten.    
  • Der naive Farmjunge: Sehr eng verbunden mit dem Auserwählten, denn die beiden Typen werden gerne gemischt. Die Grenzen sich oft fließend. Ganz typisch sind z.B. das behütet aufgewachsene Mädchen, das auf einmal erfährt, dass es gar nicht so ordinär ist, wie ihr ihr ganzes Leben eingetrichtert worden ist. Sie wird zur Auserwählten, behält aber die Naivität, die ihren Typ auszeichnet. Tipp: Lass die Naivität weg (oder sorge dafür, dass sie so schnell wie möglich überwunden wird) und gib der Figur eine Motivation, die sie aktiv agieren lässt.    

Deine Wochenaufgabe

Schnapp dir den unten verlinkten Charakterbogen und füll ihn aus. Nimm eine deiner bestehenden Hauptfiguren oder nutze die Gelegenheit, um eine neue auszuarbeiten. Falls du eine bestehende Figur nimmst: Konntest du neue Aspekte herausarbeiten? Kam plötzlich dieses «Aah!», das neue Ideen nach sich zieht?

Ich kann dir garantieren, dass du jede Menge neue Ideen und Plotpunkte für deinen Roman kriegen wirst, noch während du an deinen Figuren arbeitest. Denn es sind deine Figuren, die die Geschichte erzählen.

Ich wünsche dir viel Erfolg!

Falls du Feedback oder Fragen zu diesem Artikel hast, darfst du mir gerne eine Nachricht auf meine Pinnwand auf Facebook schreiben oder hinterlasse mir unten einen Kommentar. Ich werde deine Fragen so gut es geht beantworten. Auch von deinen Erfolgen will ich hören, also keine Scheu. Schrieb mir! Ich freue mich darauf.

Das erwartet dich nächste Woche:

Wir tauchen ein in das Böse und nehmen die Antagonisten unter die Lupe. Was macht einen guten Antagonisten aus? Und wo ist die Grenze zwischen Anti-Held und Schurke?