Figuren, die man nicht vergisst - Teil 3

Der Antagonist

Herzlich Willkommen zum Schreibtipp Freitag! Schön, bist du wieder mit dabei.

Falls du den letzten Schreibtipp verpasst hast, findest du ihn hier.

 

Diese Woche geht es um die Schurken, die unsere Bücher bevölkern. Sie gehören neben den Anti-Helden zu meinen absoluten Lieblingen, denn zum einen wäre jedes Buch und jeder Film total öde ohne Antagonisten, zum anderen brauchen unsere Helden Gegenspieler, die sie besiegen müssen, um an ihr Ziel zu kommen.

Eine Feldforschung

Seien wir ehrlich: Wir lieben unsere Bad Boys und Nasty Girls. Seit jeher faszinieren uns die Gegenspieler unserer Helden meist mehr, als die Helden selbst. Aber was macht sie so faszinierend? Es sind garantiert nicht das Töten von Menschen, Kriegstreiberei, die psychischen Abgründe und schon gar nicht die Tatsache, dass sie den Helden schaden wollen.

 

Oder etwa doch?

 

Bösewichte fesseln uns (Pun intended), weil sie Dinge machen dürfen, die wir selbst aus moralischen Gründen niemals tun würden. Jemanden entführen, foltern und anschließend umbringen, zum Beispiel. Oder ein Höllentor öffnen, um ein Land zu stürzen.

Antagonisten spielen offen mit der dunklen Seite, die in jedem von uns verborgen ist. Und genau das ist es, was wir an ihnen so lieben. Sie leben das aus, was wir nicht können. Sie verstoßen gegen die Regeln und leben ihre egoistischen Züge aus.

 

Aber reicht es einfach, wenn ich eine Figur morden lasse, damit sie ein cooler Antagonist wird? Nein, leider nicht.    

Grau ist das neue Schwarz

Schwarz und weiß, also hier die Guten und dort die Bösen, solltest du wenn möglich vermeiden. Kein Mensch ist nur gut oder nur böse (außer vielleicht Kinder bis zu einem gewissen Alter, aber das ist ein anderes Thema).

Letzte Woche habe ich dir gezeigt, wie du runde Hauptfiguren erschaffen kannst, die ihre Ecken und Kanten haben. So solltest du auch mit deinen Antagonisten verfahren. Also keine rein boshafte Persönlichkeit, sondern auch gute Seiten, die man unter der Oberfläche findet. Zum einen macht das deine Figur dreidimensional, zum anderen werden auch deine Leser sie toll finden – und das ist das Wichtigste.

 

Nehmen wir ein Beispiel, das ich schon einmal genommen habe: Kylo Ren aus den neuen Star Wars Filmen (ja, ich bin Fan). Es folgen milde Spoiler, falls du "The Last Jedi" noch nicht gesehen hast.

Bei "The Force Awakens" lernen wir Kylo Ren als den neuen Darth Vader kennen. Es ist ganz klar der Bösewicht, der vom Oberbösewicht Snoke gelenkt wird und der gegen die Helden vorgeht. Im Verlauf des Films allerdings finden wir heraus, dass er gegen das Licht in ihm kämpft und mit seiner von Snoke vorbestimmten Rolle nicht wirklich klarkommt. Am Ende des Films wissen wir, wer Kylo Ren wirklich ist – oder war, und dass er sehr viel graue Facetten in sich trägt. Er ist nicht einfach nur der neue Darth Vader. Er ist eigenständig und vor allem ist er so viel mehr.

 

In "The Last Jedi" wandelt Kylo Ren sich immer mehr zum Anti-Helden, was ich ziemlich interessant finde. Er hat das Bild des Bösewichts, das wir anfangs von ihm bekommen haben, abgestreift. Er hat Snoke für Rey getötet (mittlerweile von Regisseur Rian Johnson bestätigt) und immer mehr von Ben Solo gezeigt.

Kylo Ren ist damit die absolute Verkörperung von grauen Figuren. Er ist nicht nur Antagonist, sondern auch Anti-Held.

Ich bin sehr gespannt, welche Wandlung er in Episode 9 durchmachen wird.    

Auch Bösewichte haben Gefühle

Wie die Protagonisten haben auch die Antagonisten Ziele, die sie erreichen wollen, und innere Konflikte, die sie bewältigen müssen. Ich behandle meine Antagonisten also genau gleich wie jede andere Figur: Ich lasse den Charakterbogen, den du im letzten Artikel runterladen konntest, auch auf die Schurken los.

 

Wichtig finde ich hier allerdings, dass du den Antagonisten nicht zu sympathisch machen solltest. Immerhin ist er der Gegenspieler deiner Helden. Stattdessen solltest du die Figur so rund darstellen können, dass deine Leser ihre Handlungen verstehen und nachvollziehen können. Sie müssen sie nicht gutheißen oder sogar den Handlungen der Helden vorziehen, aber sie müssen sie nachvollziehen können.

 

Vielleicht kennst du den Spruch: Jeder ist der Held in seiner eigenen Geschichte. Das trifft vor allem auf die Antagonisten zu. Sie denken oft, dass sie im Recht sind und eigentlich das Richtige tun, denn sie wollen ihre Ziele erreichen, koste es, was es wolle. Da bringt man halt eben ein paar Leute um unterwegs und fackelt ein paar Häuser ab.

Antagonisten haben meistens Familie, Freunde, Gefolgsleute, was wunderbares Potenzial für Konflikte bietet. Antagonisten sind nur der Gegenpol zu deinen Protagonisten. Sie müssen also nicht unbedingt böse sein. Vielleicht wollen sie nur ihre Familie retten oder sich am Mörder des besten Freundes rächen (der passenderweise unser Protagonist ist).  

Ohne Antagonist keine Story

Jede Geschichte braucht Konflikte. Und der Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist ist das, was deine Geschichte ausmacht. Ohne den Antagonisten, den Gegenspieler, würde dein ganzer Plot in sich zusammenfallen. Was wäre Harry Potter ohne Voldemort? Oder Luke Skywalker ohne Darth Vader? Eben, gar nichts.

 

Wenn du allerdings einen zu schwachen Antagonisten hast, der zu wenig Pfeffer im Arsch, keine eigene Motivation hat und bei den Lesern lediglich ein Schulterzucken hinterlässt, dann machst du es dir wie auch deinem Protagonisten zu einfach. Mit einem richtig starken Antagonisten merkst du nämlich auch, ob dein Plot funktioniert oder nicht.

Und was ist mit Zombies, Aliens und Flutwellen?

Antagonistische Kräfte können sich nicht nur in einer Person manifestieren, sondern auch in Kreaturen und Naturgewalten. Zombies bieten sich da wunderbar an. Aliens wie im Film "Independece Day" zum Beispiel oder "Mars Attacks", aber auch Graf Dracula, das Monster aus dem Sumpf, die Dämonen in der Serie "Supernatural".

Bei den Naturgewalten gibt es ebenfalls Klassiker: Tornados, Tsunamis, ein Meteor, der in die Erde einschlägt, eine neue Eiszeit oder ein Vulkanausbruch wie im Film "Twin Peaks".

 

Alles, was sich dem Protagonisten in den Weg stellt, ist eine antagonistische Kraft. Aber Achtung, es gibt auch Figuren, die sich den Helden in den Weg stellen, aber nicht der Antagonist sind. Gollum, zum Beispiel, oder die Orks, sind antagonistische Kräfte, aber nicht das, was Frodo wirklich besiegen muss (das ist Sauron).

John McClane sieht sich in "Die Hard" einer Gruppe Terroristen gegenüber. Hans Gruber ist der Drahtzieher und damit der wahre Antagonist. Die anderen Typen in seiner Truppe sind reine Handlanger, Kanonenfutter, auch wenn sie sich gegen McClane stellen.

 

Es ist wie mit dem Ring in "Herr der Ringe": Es kann nur einen geben.    

Deine Wochenaufgabe

Du hast jetzt bestimmt ein paar Bösewichte im Kopf, die du richtig klasse findest, sei es aus Büchern oder Filmen. Schau dir diese Figuren einmal richtig an. Was haben sie gemeinsam? Wie sehen ihre Motive, ihre Ziele aus? Wie gehen sie gegen die Helden vor? Wie stark sind sie den Protagonisten zu Beginn überlegen? Und welche Fehler begehen sie, wodurch sie am Ende besiegt werden?

(Kleiner Tipp: Meistens ist es genau ihr eigener Egoismus und das Denken, dass sie im Recht sind, was sie Fehler begehen lässt.)    

Ich wünsche dir viel Erfolg!

Falls du Feedback oder Fragen zu diesem Artikel hast, hinterlasse unten einen Kommentar oder schreibe mir eine Nachricht auf meine Pinnwand auf Facebook. Von deinen Erfolgen will ich ebenfalls hören, also keine Scheu! Ich freue mich darauf.    

Das erwartet dich nächste Woche:

Nächste Woche kommt schon der vorerst letzte Teil zu den Figuren. Wir nehmen die Nebenfiguren auseinander: Warum sind sie wichtig? Wie kannst du Nebenfiguren gestalten, die etwas zum Plot beitragen und nicht einfach nur statische Kulisse sind?