Figuren, die man nicht vergisst - Teil 4

Nebenfiguren

Herzlich Willkommen zum Schreibtipp Freitag! Schön, bist du wieder mit dabei.

Falls du den letzten Schreibtipp verpasst hast, findest du ihn hier.

 

Dies ist der vorerst letzte Teil, in dem es um die Figuren in deiner Geschichte geht. Diese Woche schaue ich mit dir die Nebenfiguren etwas genauer an. Warum sind sie wichtig für dein Buch und deine Protagonisten? Und wie kannst du verhindern, dass sie sich durch eine Lampe ersetzen lassen?

Der Protagonist und sein Sidekick

Dein Held und die wichtige Nebenfigur(en) bilden idealerweise ein starkes Duo (oder Trio). Was wäre Batman ohne Robin? Han Solo ohne Chewbacca? Harry Potter ohne Ron und Hermine? Frodo ohne Sam?

Du verstehst, was ich meine. Richtig tolle Nebenfiguren fühlen sich nicht wie Nebenfiguren an. Sie sind so wichtig für die Geschichte und den Plot, dass sie unverzichtbar sind. Unsere Helden würden ohne sie ziemlich doof dastehen, wenn wir ehrlich sind.

 

Nebenfiguren kommen automatisch. Ein Roman mit nur einer oder zwei Figuren (Progatonist und Antagonist) wäre zwar möglich, aber nicht wirklich fesselnd – jedenfalls aus meiner Sicht. Deine Geschichte wimmelt vermutlich von Charakteren, die mehr oder weniger wichtig sind für den Plot. Und das ist gut so.

 

Unsere Helden haben sehr oft einen sogenannten Sidekick. Das ist eine wichtige Figur, die die Hauptfigur begleitet und sie vielleicht sogar in die richtige (oder falsche) Richtung schubst. Der Sidekick kann der beste Freund sein, der Partner (platonisch wie sexuell) oder ein sprechender Kater, den man unterwegs aufgegabelt hat.

Die Wichtigkeitstabelle

Falls du meine Serie "Frost & Payne" liest, weißt du, dass ich unglaublich viele Nebenfiguren entwickelt habe, um den Cast auszufüllen. Die meisten von ihnen sind nach und nach hinzugekommen, ohne dass ich es geplant hatte, da es die Geschichte erforderte. Natürlich ist das meine nicht sehr effiziente Arbeitsweise, die das verschuldet. Wer einen Roman Szene für Szene durchplottet, weiß ungefähr, wie groß sein Cast an Figuren sein wird. Aber ich bin mir sicher, dass auch da noch Überraschungsgäste auftauchen werden.

 

Wie behalte ich den Überblick bei so viele Nebenfiguren? Von der Gruppe an wichtigen Personen, ohne die die Geschichte nicht funktionieren würde, bis zum Postboten, der jeden Morgen nett grüßt?

Für "Frost & Payne" habe ich ungefähr im dritten Band begonnen, Buch zu führen. Ich habe angefangen, alle Figuren, die ich nicht vergessen darf, auch wenn sie noch so eine kleine Rolle spielen, in eine Tabelle einzutragen und nach Wichtigkeit zu sortieren. Helen, zum Beispiel, steht sehr weit oben. Sie hat einen ausführlichen Charakterbogen erhalten, ein rundes Profil und sogar ein paar Inspirationsbilder. Sie ist die gute Seele der gesamten Serie und macht eine eigenständige Entwicklung durch.

 

Jemand wie der Schuster von nebenan, der ein paar Mal während eines inneren Monologes von Frost namentlich erwähnt wird, steht ganz unten auf der Tabelle. Die Figur ist da, sie hat einen Namen bekommen und eine oder zwei Eigenschaften, aber sonst nichts. Die Figur ist nicht relevant für den Plot. Dennoch darf ich ihren Namen nicht vergessen, weil sie irgendwann wieder auftauchen könnte.

 

Probiere aus, was für dich funktioniert. Ob eine einfache Liste mit Stichworten im Notizbuch oder eine ausgeklügelte Exceltabelle – jeder Autor arbeitet anders.    

Starke Nebenfiguren erschaffen

Richtig gute, starke Nebenfiguren sind auf den ersten Blick nicht sofort von den Protagonisten zu unterscheiden, vor allem, wenn du ihnen eine eigene Perspektive gibst. Warum? Weil du dich mit ihnen ebenso stark beschäftigt hast wie mit den Protagonisten. Ich lasse fast alle meine Figuren den Charakterbogen durchlaufen. Sie haben Ziele, Motive und Konflikte. Sie entwickeln sich weiter und sind am Ende nicht mehr die gleichen Personen wie zu Beginn des Buches.

 

Ich weiß, das klingt jetzt nach viel Arbeit. Du musst jetzt nicht nur deine zwei oder drei Hauptfiguren sowie deine Antagonisten ausarbeiten, sondern auch noch die wichtigsten Nebenfiguren. Gut, du musst es nicht gleich wie Stephen King nachmachen, der angeblich sogar für die unwichtigsten Figuren überhaupt eine ausführliche Biografie schreibt. Mach ich auch nicht, mir reichen da, wie gesagt, ein Name und ein paar Eigenschaften.

Aber die Nebenfiguren, ohne die deine Helden und Schurken ziemlich doof dastehen würden, um die solltest du dich ausführlich kümmern.    

Das Ding mit der Stehlampe

Wie findest du heraus, ob deine Nebenfiguren relevant sind für den Plot? Ganz einfach: Mach den Stehlampentest. Das empfehle ich besonders, wenn es um weibliche Figuren sowie Minderheiten geht.

 

Trägt deine Figur wirklich etwas zum Plot und zur Entwicklung deines Buches bei oder könntest du sie auch durch eine Stehlampe ersetzen? Ist die Figur nur ein hübsches Anhängsel, um vielleicht eine Diversitätsquote zu erfüllen (die sexy Kriegerin, eine LGBT-Person, PoC) und hätte denselben Effekt, wenn sie eine Lampe wäre?

Deine Wochenaufgabe

Schau dir in deinem aktuellen Projekt die Nebenfiguren mal genau an. Haben sie eine Persönlichkeit? Machen sie im Laufe deines Buches eine Entwicklung durch und tragen sie aktiv zum Plot bei? Mach den Stehlampentest. Und wenn du merkst, dass eine Figur mehr Lampe denn Person ist, dann überlege dir, wie du das ändern kannst.    

Ich wünsche dir viel Erfolg!

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Das erwartet dich nächste Woche:

Ab sofort gibt es immer wieder Interviews mit Menschen aus der Buchbranche, also mit Autoren, Lektoren, Verlegern und Cover-Designern. Sie stellen sich meinen Fragen, geben euch ihre besten Tipps und plaudern aus dem Nähkästchen.

 

Nächste Woche macht Autorin Maja Ilisch den Anfang. Ihr neues Buch "Die Spiegel von Kettlewood Hall" ist kürzlich beim Knaur Verlag erschienen. Ich bin schon sehr gespannt – und ihr dürft es auch sein!