Interview mit Autorin Maja Ilisch

Herzlich Willkommen zum Schreibtipp Freitag! Schön, bist du wieder mit dabei.

Falls du den letzten Schreibtipp verpasst hast, findest du ihn hier.

 

Diese Woche habe ich einen Interviewgast!

Die wundervolle Autorin Maja Ilisch hat sich meinen Fragen gestellt und wow, da sind so viele Informationen und Tipps drin, dass ich immer noch geplättet bin. So viel Mehrwert habe ich bisher selten aus einem Autoreninterview mitnehmen können. Aber lest selbst. Und haltet eure Notizbücher bereit.

Kurze Vorstellung

 

Maja Ilisch wurde am 23. April 1975 (mittlerweile Welttag des Buches) im Münsterland geboren und lebt schon von klein auf das Leben eines Buchmenschen. Sie hat unzählige Bücher verschlungen und schon als Schülerin in der Stadtbibliothek ausgeholfen. Nach dem Abitur zog sie nach Köln, wurde Bibliothekarin und ließ sich später zur Fachbuchhändlerin ausbilden.

Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrem Mann in der Nähe von Aachen.

 

Ihr Traum war schon immer, eigene Bücher zu schreiben. Auf dem Weg dahin schrieb sie Drehbücher für verschiedene TV-Serien und eine Hörbuchreihe.

2013 erschienen ihr Debüt »Das Puppenzimmer« bei dotbooks und »Geigenzauber« bei Carlsen Impress (letzteres ist leider vergriffen).

Ihr neuer Gaslicht-Roman »Die Spiegel von Kettlewood Hall« von Droemer Knaur gibt es als Ebook und ab April 2018 als Taschenbuch.

 

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Facebook, Twitter, Instagram und Majas Autorenblog

Liebe Maja, vielen Dank, dass du dir für dieses Interview Zeit genommen hast. Gleich vorneweg: Was macht für dich einen guten Schriftsteller aus?

 

Früher hätte ich immer gesagt: Ein guter Autor ist der, der immer weiter an sich arbeitet, der nie aufhört, sich weiterentwickeln zu wollen. Das unterschreibe ich zwar immer noch, aber es kommt noch etwas hinzu: Ein guter Autor muss auch in der Lage sein, die eigenen Qualitäten wertschätzen zu können. Wer immer mit sich unzufrieden ist, verliert den Spaß an der Sache. Um sich weiterentwickeln zu können, muss man die eigenen Schwächen kennen – die sieht man aber nur, wenn man auch seine Stärken zu würdigen weiß.

 

Viele Autoren sagen, dass sie schon sehr früh mit dem Geschichtenspinnen und Schreiben angefangen haben. Wie war das bei dir? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das Auslöser dafür war?

 

Ich kann mich nicht erinnern, mir keine Geschichten ausgedacht zu haben. Als kleines Mädchen (drei, vier Jahre alt) bin ich in den Bettkasten meiner Eltern geklettert, habe mir eine Höhle gebaut und mir selbst Geschichten erzählt. Sie dann auch aufzuschreiben, kaum dass ich schreiben konnte, war eine logische Folgerung. Irgendwann im zweiten Schuljahr habe ich angefangen, mein erstes »Buch« zu schreiben – eine Zirkusgeschichte, haarsträubend in Rechtschreibung wie Handlung, entflohener Löwe inklusive. Sie ist nie fertig geworden: Als meine Helden den Löwen erfolgreich im Schrebergartenhäuschen eingesperrt hatten, wusste ich nicht, wie man ihn da wieder hinausbekommen sollte, und habe nicht mehr weitergeschrieben.

 

Viele Romananfänge später, die alle nicht über ein, zwei Seiten hinausgekommen sind, habe ich mit gut fünfzehn Jahren meine erste längere Geschichte fertiggestellt, eine Kriminalparodie von 35 Seiten, und die dann auch gleich selbst verlegt – also, kopiert und im Schnellhefter an Lehrer und Mitschüler verkauft. Auflage um die zwanzig Stück, das war immerhin mal was. Aber bis zu meinem ersten richtigen fertigen Roman hat es dann bis 1997 gedauert, als ich gerade mit dem Studium fertig war, und zur ersten richtigen Veröffentlichung bis 2013. Man braucht sehr viel Sitzfleisch als Autor.    

»Ich brauche keinen Bestseller. Irgendwie vom Schreiben über die Runden kommen würde mir schon mal reichen.«

Was hättest du lieber: Ein Buch, das über Nacht zum Weltbestseller wird oder kontinuierliches Wachstum?

 

Warum nicht beides? Ein Buch, das über Nacht zum Bestseller wird und sich dann noch weiter steigert? Ich denke, wenn man vom Schreiben leben will, sind Longseller das Beste – man hat so wenig finanzielle Sicherheit, man weiß nie, was im nächsten Quartal reinkommt, und dann einen Titel zu haben, von dem man weiß, das ist eine sichere Bank, das ist schon mal was. Aber die wenigsten Autoren produzieren Weltbestseller. Ich bin schon froh, wenn sich meine Bücher gut genug verkaufen, dass Verlage an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert sind und ich genug verdiene, um mich zumindest wieder selbst krankenversichern zu müssen, statt nur der geringverdienende Anhang meines Mannes zu sein. Als wir unser Haus kauften und der Bankmensch nach unseren Berufen fragte und ich antwortete »Ich bin Schriftstellerin«, gab das einen Blick nach dem Motto »Ich habe Sie nicht nach Ihrem Hobby gefragt!«. Ich brauche keinen Bestseller. Irgendwie vom Schreiben über die Runden kommen würde mir schon mal reichen.

 

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Wie sieht ein gewöhnlicher Tagesablauf bei dir aus? Hast du feste Schreibzeiten?

 

An einem typischen Tag stehe ich irgendwann jenseits der Mittagsstunde auf. Ich versuche zwar regelmäßig, meinen Biorhythmus zu normalisieren, und doch pendelt es sich immer schnell wieder da ein, wo ich bis in die Morgenstunden wach bin und dementsprechend spät wieder aufstehe. Als Freiberuflerin kann ich mir das erlauben, und es war einer der Gründe, warum ich mich selbständig gemacht habe – als ich noch in der Bibliothek gearbeitet habe, habe ich mich oft mit nur zwei, drei Stunden Schlaf zur Arbeit geschleppt und war dementsprechend schlecht drauf. So bekomme ich jetzt allen Schlaf, den ich benötige, nur halt nicht zu der Zeit, in der andere Leute schlafen. Selbst so habe ich noch eine lange Anlaufzeit. Ich mache mir Kaffee, und ein, zwei Stunden später bin ich bereit, einfache Hausarbeiten zu erledigen. Richtig wach bin ich erst später am Nachmittag.

 

Mit dem Schreiben fange ich üblicherweise zwischen zehn Uhr Abends und Mitternacht an. Dann ist draußen alles ruhig, und mich lenkt nichts mehr von der Arbeit ab. Vorher nehme ich gerne ein schönes langes Bad – ich kann in der Badewanne wunderbar plotten, und wenn ich könnte, würde ich meine Badezusätze als Arbeitsmaterial von der Steuer absetzen. Dann nehme ich meinen Laptop und setze mich ins Bett. Auch wenn ich ein tolles Arbeitszimmer habe und einen wirklich guten Desktoprechner – das benutze ich vor allem zum Überarbeiten. Zum Schreiben habe ich es gerne gemütlich, und da ist mir mein Bett einfach der liebste Ort. Kopfhörer auf, Musik auf die Ohren, und dann schalte ich den Klausurmodus meiner Schreibsoftware ein, der verhindert, dass ich aus dem Programm wieder raustabben kann … In einer guten Nacht schaffe ich auf diese Weise anderhalb- bis zweitausend Wörter.

 

Und wenn es draußen hell wird und man den Verkehrt wieder hören kann, ist es Zeit, die Arbeit zu beenden und schlafen zu gehen – bis irgendwann am nächsten Nachmittag.    

»Ehe ich mich hinsetze und eine Szene schreibe, gehe ich erst einmal im Kopf in ihr spazieren, drehe, wende, betrachte sie von allen Seiten, und freue mich darauf, sie zu Papier zu bringen.«

Wie fühlt sich das Bücherschreiben für dich an?

 

Das hängt ganz von meiner Tagesform ab. Manchmal ist es ein Krampf, manchmal fühlt es sich einfach nur wie Arbeit an, und manchmal fließt es und bereitet Freude. Dabei darf ich allerdings nicht nur das reine Tippen zur Schreibzeit zählen. Beim Tippen bin ich sehr konzentriert, und Gefühle spielen eine eher untergeordnete Rolle. Das ganze Drumherum ist das, was ich bewusster wahrnehme: Ehe ich mich hinsetze und eine Szene schreibe, gehe ich erst einmal im Kopf in ihr spazieren, drehe, wende, betrachte sie von allen Seiten, und freue mich darauf, sie zu Papier zu bringen. Ist sie fertig und fühlt sich wohlgeraten an, genieße ich es, sie wieder und wieder zu lesen.

 

Noch intensiver allerdings sind die Gefühle, wenn ich nicht schreibe: Dann fühle ich mich schuldig, gegenüber mir selbst, meinen selbstgesteckten Zielen, gegenüber den Figuren, denen ich es schulde, ihre Geschichte zu erzählen, gegenüber meiner Agentin, den Lektoren, und vor allem gegenüber meinem Mann – er arbeitete eine Mehr-als-vierzig-Stundenwoche, ich schreibe Bücher, soweit läuft die Arbeitsteilung gut. Er verdient unseren Lebensunterhalt, ich freue mich, wenn ich zumindest ein bisschen in den Bausparvertrag einzahlen kann. Dass ich nicht reich werde mit der Schreiberei, damit kann ich leben, aber dass ich so wenig zum Unterhalt beitragen kann, das geht mir an die Nieren. Wenn ich dann aber die Zeit noch nicht einmal mit Schreiben verbringe, sondern mit Fernsehen, Lesen, Computerspielen, dann werden die Schuldgefühle schnell so drückend, dass ich mich überhaupt nicht mehr in die Schreibstimmung reintraue – ein echter Teufelskreis.

 

Interessanterweise war es ausgerechnet ein Maler, der die passendsten Worte gefunden hat für das, was ich für das Schreiben empfinde. Paul Klee schrieb in seinen Tagebüchern » Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.« Ersetzt man »Farbe« durch »Sprache«, »Maler« durch »Autor«, dann bin ich genau da. Und da, wo ich hinwollte.

 

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Wie lange hast du insgesamt an deinem aktuellen Roman «Die Spiegel von Kettlewood Hall» gearbeitet? Wo lagen für dich die Schwierigkeiten und wie hast du sie gelöst?

 

Ich habe insgesamt etwas über ein Jahr lang daran geschrieben, dazu kommt noch mal ungefähr ein halbes Jahr Vorlauf für Planung, Recherche etc. Die Idee hatte ich im Frühling 2015, und ich wusste sehr schnell, dass ich das Buch im Nanowrimo schreiben würde – alles hat sich sehr gut angelassen, aber dann habe ich mitten im Nanowrimo mit meinen Agenten zwei Lektorinnen von Knaur getroffen. Es ging eigentlich um ein anderes Buch, aber dann sagte die Programmleiterin, dass sie eigentlich mehr etwas suchte in der Art meines »Puppenzimmers«, und ich sagte: »Das trifft sich gut, so ein Buch schreibe ich gerade!«

 

Auf den spontanen Pitch, der auf großes Interesse stieß, folgten Exposee und Probenkapitel – und plötzlich hatte ich ein Buch verkauft, das noch lang nicht fertig war. Für die meisten Autoren ist das der Standard – es ist schön zu wissen, dass die Arbeit nicht für die Schublade ist, sondern auch bezahlt wird – aber bei mir ging auf einmal gar nichts mehr. Ich merkte auf die harte Tour, dass meine Bücher eigentlich das Recht brauchen, vor die Wand gefahren zu werden. Ich habe viele Ideen, fange viele neue Sachen an, und nur ein Teil davon wird fertig. Bei den »Spiegeln von Kettlewood Hall« war das Buch gezwungen zu funktionieren, und folglich tat es genau das nicht mehr.

 

Mein Plot sah unter andrem ein Schachspiel vor, das mit einer ganz bestimmten Position enden sollte, gleichzeitig musste aber jeder einzelne Zug, der dorthin führt, nachvollziehbar sein. Im Exposee kann man leicht schreiben »Das Spiel geht so-und-so aus« - dahinzukommen war eine andere Sache. Mein Mann, der ein sehr guter Schachspieler ist, und ich haben viele Anläufe gebraucht, bis die Partie endlich so stand, wie ich sie haben wollte. Die größte Stütze war dann aber meine Agentin. Ich habe ihr irgendwann heulend geschrieben, dass ich dieses Buch nicht schreiben kann, wir den Vorschuss zurückzahlen müssen, alles ganz schrecklich, wird nie was … und sie hat mich buchstäblich bei der Hand genommen und fristgerecht über die Ziellinie geschleift. Jeden Tag musste ich ihr ein Minimum von drei Seiten schicken, und jeden Tag habe ich im Gegenzug Feedback von ihr bekommen. Und wir haben es geschafft – damit hätte ich zwischendurch echt nicht mehr gerechnet. Aber jetzt weiß ich, dass ich nur noch Bücher anbieten werde, die schon fertig sind. Dann schreibe ich mehr für die Schublade, aber es geht mir einfach besser dabei.

»Hier ruht Maja Ilisch. Sie hätte Drei-Fragezeichen-Bücher schreiben können, aber sie hat es verbockt.« 

Wenn du auf deinen bisherigen Werdegang als Autorin zurückblickst, würdest du heute noch einmal dieselben Entscheidungen treffen wie damals? Warum?

 

Es gibt eine Entscheidung, für die könnte ich mich heute noch in den Hintern beißen. Ich wäre mal beinahe eine Drei-Fragezeichen-Autorin geworden – mein absoluter Wunschtraum in Reichweite. Das war 2005, ich war arbeitslos, und eine befreundete Autorin, die da im Team war, hat mir den Kontakt zur Redakteurin hergestellt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon für Fernsehshows wie »Richterin Barbara Salesch« geschrieben, aber das war irgendwann nur noch Geld und kein Spaß mehr, und ich bereue nicht, damit aufgehört zu haben. Die Drei Fragezeichen waren eine ganz andere Nummer. Ich habe die Reihe immer geliebt, ich wollte immer Krimis schreiben …

 

Die Redakteurin war nett, ich hatte ein Exposee und Probekapitel geschrieben, und die Sache war fast in trockenen Tüchern – und dann habe ich Arbeit gefunden, Vollzeit als Buchhändlerin, und gedacht, ich schaffe es nicht, neben der Arbeit auch noch so viel zu schreiben, dass ich 120 Seiten in vier Monaten fertig bekomme (das war, wohlgemerkt, bevor ich in meinem ersten Nanowrimo gelernt habe, zu was ich wirklich fähig bin). Also habe ich schweren Herzens die Redakteurin angerufen und mein Angebot zurückgezogen, aus Zeitgründen. Die Stelle hat kein halbes Jahr gehalten. Am Ende stand ich also wieder arbeitslos auf der Straße, das Drei-Fragezeichen-Team hatte einen anderen Autoren genommen, und ich nehme mir immer noch übel, dass ich so schnell das Handtuch geschmissen habe.

 

In der Zeit habe ich dann auch bitter bereut, bei Barbara Salesch aufgehört zu haben – aber damit bin ich heute versöhnt. Das ist eine Arbeit, die möchte ich nicht noch mal machen, auch wenn es wirklich schnell verdientes Geld war. Aber das mit den Drei Fragezeichen – das wird irgendwann mal auf meinem Grabstein stehen. »Hier ruht Maja Ilisch. Sie hätte Drei-Fragezeichen-Bücher schreiben können, aber sie hat es verbockt«.

   

Leider vergriffen.
Leider vergriffen.

Wenn «Kettlewood» morgen einen Hollywoodvertrag bekommen würde: Welche Schauspieler wären deine erste Wahl für deine Hauptfiguren? Und wer würde Regie führen?

 

Ich habe früher immer alle meine Figuren mit Schauspielern besetzt, bis in die kleinste Nebenrolle. Heute weiß ich bei vielen nicht mal genau, wie sie aussehen, und es ist mir auch weniger wichtig. Ich kenne meine Figuren sehr genau von innen, ich weiß, wie sie ticken, ich kann die Welt durch ihre Augen sehen, aber ihr Äußeres ist mir über weite Strecken Schnuppe. Wo ich mit Schauspielern als optischem Vorbild arbeite, stehen die wenigsten für Dreharbeiten zur Verfügung – die meisten sind heute entweder tot oder deutlich älter als zu dem Zeitpunkt, an dem ich sie aus der Zeit gegriffen habe.

 

Bei »Kettlewood« gibt es wenige Figuren, für die ich eine Besetzung hatte – ich denke, Richard Armitage als Butler Hargreaves wäre toll, mit öligem Haar und Pockennarben. Sam Riley würde einen großartigen Victor abgeben – wäre er noch einmal siebzehn Jahre alt. Meine Phoebe sieht aus wie Kirsten Dunst als Claudia in »Interview mit einem Vampir« - das war aber auch schon vor gut über zwanzig Jahren. Und Lady Kettlewood ist angelehnt an Celia Imri als Gertrude in der »Gormenghast«-Verfilmung – mit Fatsuit und Lockenperücke und inzwischen fast auch schon zwanzig Jahre her. Bis auf Armitage – und wenn der keine Zeit hat, nehme ich mit Kusshand auch Rufus Sewell, aber von dem weiß ich, dass er nicht immer nur andauernd Historiendramen spielen will – steht keiner für eine aktuelle Verfilmung zur Verfügung.

 

Vielleicht ganz gut so, das spart einem ja eine Menge Enttäuschung – Autoren haben bei Verfilmungen üblicherweise nicht groß mitzureden, wenn es um die Besetzung geht. Und ich muss gestehen, mir wäre wichtiger, dass mein Buch nicht schon beim Drehbuch verhunzt wird. Selbst meine Skripte für »Richterin Barbara Salesch« wurden noch von der Redaktion bearbeitet, ehe sie dann gefilmt wurden, manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Das senkt die Ansprüche dann doch gewaltig.

 

Was ist dein bisher größter persönlicher Erfolg?

 

Ich habe viele kleinere Erfolge vorzuweisen, aber den einen größten auszusuchen ist eine Hausnummer für sich. Mein größter beruflicher Erfolg war vermutlich, dass ich einen Vertrag bei meinem absoluten Traumverlag Klett-Cotta unterschreiben konnte, nachdem ich fünfzehn Jahre lang immer wieder Manuskripte dort angeboten habe, bis es endlich, auch dank meiner Agentur, geklappt hat. Aber dieses Buch ist noch ohne Erscheinungstermin, steckt mitten im Lektorat, und ist für einen echten Erfolg einfach noch nicht greifbar genug. Ich bin mit jeden Jahren recht pessimistisch geworden, und ehe ich es nicht in Händen halte, mag ich noch nicht so recht dran glauben.

 

Dann ist da natürlich der Tintenzirkel. Der ist allemal ein Erfolg. Dass ich es geschafft habe, einen so erlesenen Autorenkreis aufzubauen, der sich jetzt seit 2001 im Netz hält, immer noch neue Mitglieder anzieht und über die Jahre so viele großartige Taltente hervorgebracht hat, ist ein Schuh, den ich mir gerne anziehe – allerdings war ein Großteil davon auch nur, im richtigen Moment die richtige Idee gehabt zu haben, ein tolles Team zu haben, das im Zweifelsfall den Karren aus dem Dreck holt, und die Sache ansonsten stur durchzuziehen. Ich habe in der Zeit viele Communities kommen und gehen sehen, und die meisten sind daran gestorben, dass sich die ursprünglichen Beitreiber zurückgezogen haben: Das wird mit dem Tintenzirkel nicht passieren, ich hänge an dem Forum, mehr noch an den Mitgliedern, und ich weiß, was ich dieser Gemeinschaft zu verdanken habe.

 

Und dann gibt es noch menschliche Erfolge. Die sind auch wieder Tagesform. Wenn ich eine depressive Phase habe, fühlt es sich wie der größte Erfolg von allem an, aufzustehen, die Zähne zu putzen und einen Kaffee zu kochen. Ich denke, es ist wichtiger, die kleinen Erfolge im Leben schätzen zu lernen, statt immer nur nach den ganz großen zu jagen. Ich habe so vieles geschafft, auf das ich stolz sein kann – ich habe mein Studium und meine Ausbildung mit guten Noten absolviert, ich habe Freundschaften geschlossen, ein gutes Verhältnis zu meiner Familie, das Haus meiner Träume gefunden und einen Mann, der mich auch dann noch nimmt, wie ich bin, wenn ich mich selbst gar nicht mehr haben will – und es ist vor allem diese Summe der Erfolge, auf die ich heute stolz sein kann und die ich immer dann in die Waagschale werfen muss, wenn die Zweifel wieder die Oberhand gewinnen wollen.

»Ich trage keine Scheuklappen. Ich trinke die Welt.«

Talent allein reicht ja bekanntlich nicht aus. Wie hast du das Schreibhandwerk gelernt? Gibt es Ratgeber oder Blogs, die du gelesen hast und empfehlen kannst?

 

Ich schreibe sehr intuitiv. Schreibratgeber lese ich durchaus gerne, habe aber nicht das Gefühl, dass ich viel davon mitnehmen kann – mich interessiert einfach zu wenig, wie andere etwas machen, und mehr, wie es mir selbst gefällt. Grob gesagt, schreibe ich die Bücher, die ich selbst gerne lesen möchte, und das sind überwiegend Bücher, wie es sie noch nicht gibt (sonst könnte ich mir die ganze Arbeit ja auch sparen). Mein Lernprozess beim Schreiben war also in großem Maße »Learning by Doing« - Schreiben, Schreiben, mehr Schreiben, das Ganze lesen, es erst toll finden, dann schrecklich, die Schwachstellen finden, beim nächsten Mal besser machen.

 

Mehr als aus Schreibratgebern habe ich aus dem gelernt, was ich über die Jahre gelesen habe – wobei mich vor allem der Umgang mit Sprache fasziniert, meine Farbe, mein Handwerkszeug. Anfang 20 habe ich Dostojewskij entdeckt und war zu gleichen Teilen hingerissen vor so viel Brillanz und am Boden zerstört, weil ich das selbst nicht konnte. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich danach wieder etwas schreiben konnte, aber es war, als hätte sich eine neue Welt geöffnet, eine, in der ich nicht mehr nur zweckdienlich formulieren konnte, sondern auch als Selbstzweck – sprachliche Schönheit um ihrer Selbst Willen; abstrakte Sprache, die mehr auf Assoziation setzt als nur auf nackte Beschreibungen.

 

Seitdem ist mein Credo: Man darf alles, wenn man es nur gut macht. Show, don’t tell? Quatsch. Wir schreiben Bücher, wir drehen keinen Film. Kopfkino ist toll, aber auch nicht alles. Wir haben die Möglichkeit, auch einfach mal zu erzählen. Wir können in unsere Figuren eintauchen oder sie ganz streng nur von außen betrachten. Wir können kurz und prägnant formulieren oder einen Bandwurmsatz wie einen plätschernden Bach über die ganze Seite mäandern lassen – das eine wie das andere kann man großartig oder grottig umsetzen, aber man sollte nicht auf irgendwelche Stilelemente verzichten, nur weil ein Schreibratgeber sagt, dass man das-und-das aber nicht macht.

 

Ich trage keine Scheuklappen. Ich trinke die Welt. Ich verbringe mein Leben damit, Wissen zu sammeln – Aktuelles, Historisches, Anekdoten, Psychologie, Bilder, Geschichten, Kunst, Sinneseindrücke. Ich habe keinen Filter, alles wird mitgenommen, abgespeichert, man weiß nicht, wann man es mal irgendwie brauchen kann. Dass ich heute deutlich weniger Romane lese als früher, habe ich mir lange übelgenommen, mich gefühlt, als hätte ich meine Wurzeln als bücherfressendes Lesemonster verraten. Aber ich lese dafür bewusster als früher, achte bei Romanen mehr auf die Form als nur auf den Inhalt, auf das Wie mehr auf das Was, und auf die Weise schaffe ich einfach keine drei Bücher mehr am Tag – ich genieße immer noch, nur anders.

 

Social Media wird immer wichtiger. Wo findet man dich im Netz?

 

Ich bin aktiv vor allem auf Facebook und im Tintenzirkel. Manchmal denke ich auch daran, dass ich einen Twitteraccount habe. Instagram und ich lernen uns gerade erst kennen, ich würde nicht sagen, dass ich es dort schon zur Meisterschaft gebracht habe. Dafür betreibe ich seit Jahren meine eigenen Webseiten, betreibe meinen eigenen Server, und habe ein Autorenblog, über das meine Entwicklung bis ins Jahr 2006 zurückverfolgt werden kann. Wer mich kennenlernen will, dem lege ich mein Blog wärmstens ans Herz – und natürlich meine Bücher, aber das versteht sich von selbst.

 

Die russische Ausgabe des »Puppenzimmers«, erschienen 2017 im Verlag Family Leisure Club.
Die russische Ausgabe des »Puppenzimmers«, erschienen 2017 im Verlag Family Leisure Club.

Und zum Abschluss: Was sind deine 3 besten Schreibtipps?

 

1. Schreib was du willst. Orientiere dich nicht an Trends, nur weil es Trends sind. Wenn du genau die Art von Büchern, die sich gerade gut verkaufen, über alles liebst und genau solche Sachen schreiben möchtest, tu das. Aber wenn du eigentlich etwas ganz anderes lieber magst, das gerade sonst niemand macht oder zumindest kein Verlag veröffentlicht, schreib es trotzdem. Schreib die Geschichten, die in dir drin sind, nicht die Geschichten, die du erst mit Gewalt in dich reinstopfen müsst. Autoren werden so schlecht bezahlt, dass man sich nicht leisten kann, etwas zu schreiben, das man nicht liebt – und wenn man überhaupt erst einmal ein paar Romane fertigstellen möchte, bringt es nichts, sich in vorauseilendem Gehorsam Themen zu diktieren oder zu verbieten nach dem Motto »Das ist gerade in/out, das musst du machen/brauchst du gar nicht erst versuchen«.

 

Es ist gänzlich unwahrscheinlich, einen Verlag zu finden für das erste Manuskript. Oder für das zweite, dritte, etc. Man wird mit jedem Buch besser, man entwickelt Routine, sammelt Erfahrung, lernt sein Handwerk. In die Mühlen des Buchmarkts gerät man als Autor noch früh genug, man wird früh genug desillusioniert, dann soll man erstmal so viel Enthusiasmus mitnehmen, wie das überhaupt geht. Man erträgt den Markt besser, wenn man wenigstens liebt, was man tut. Wenn ein geliebtes Buch floppt, ist das hart. Aber noch härter ist, wenn etwas floppt, an dem man nie Spaß hatte. Und selbst wenn etwas, zu dem man sich zwingen musste, ein großer Erfolg wird, ist es am Ende nur Geld – wie viel schöner fühlt es sich an, wenn die Leser das gleiche lieben wie man selbst!

 

2. Lerne, mit dir selbst zufrieden zu sein. Ja, es geht immer noch besser. Aber wenn du das erste Kapitel immer wieder von vorn anfängst, weil es noch nicht perfekt ist, wirst du das Buch nie fertigstellen. Das heißt nicht, dass du jede Szene behalten musst, egal wie sehr du sie hast: Wenn etwas das Buch in die falsche Richtung treibt, wenn du sofort die Epiphanie hast, wie du es stattdessen anstellen kannst, dann weg mit der Szene und schreib sie anders neu. Aber wenn du nur denkst »Da muss ich später noch mal ran«, dann setz das »später« in Fettschrift. Mach erstmal den Rest fertig. Überarbeiten kannst du später immer noch, so oft du willst.

 

Du kannst jede Szene dreimal neu schreiben. Mach dich trotzdem erstmal an die Nächste. Die Geschichte will erzählt werden. Wenn du immer nur auf der gleichen Stelle herumkaust, immer wieder von vorn anfängst, wirst du viel Energie verbrauchen, aber nie da sein, wo du das Ergebnis gut findest, weil der Berg gescheiterter Szenen im Vergleich zu dem, was du hast stehenlassen, immer größer und niederschmetternder wird. Gelingt es dir nicht, mit dem, was du fabrizierst, auch nur ein bisschen zufrieden zu sein, dann ist Schreiben vielleicht einfach nicht das richtige Ventil für deine Gedanken.

 

Mir ist es mit dem Zeichnen so ergangen. Ich war immer gut in Kunst, ich habe ein Händchen für Farbe, kann Bildaufbau und Komposition analysieren, kenne mich mit Kunstgeschichte aus – aber ich kann die Bilder nicht so, wie ich sie vor meinem inneren Auge sehe, umsetzen. Da half auch kein »Übung macht den Meister« - ich wurde mit jedem Versuch frustrierter, entfernte mich immer weiter von dem, wo ich gerne gewesen wäre, und irgendwann habe ich es drangegeben. Ich bin so unfähig, mit meinen Zeichnungen zufrieden zu sein, dass ich glücklicher bin, nicht zu zeichnen.

 

Beim Schreiben ist es für mich anders – da waren selbst in Zeiten, wo ich überhaupt nicht glücklich war mit meinen Ergebnissen, immer noch genug Stellen – einzelne Sätze, Figuren, Dialoge, Bilder – von denen ich sagen konnte »Das geht immerhin in die richtige Richtung, damit kann ich arbeiten, das kann ich entwickeln«. Ohne diesen Ansatz wird Kunst zur Qual. Man kann vieles nicht erzwingen. Man kann es nur rauslassen, und es ein bisschen sacken lassen, und dann sagen »Okay, auf den zweiten Blick bist du doch gar nicht so hässlich«. Man kann alles immer noch verbessern. Aber es muss nicht sofort sein. Und wenn man erst in drei Jahren gut genug ist, um die Szene so hinzukriegen, wie man gerne will: Dann mach die drei Jahre über was anderes, aber mach es.

 

3. Sitzfleisch und dickes Fell sind wichtiger als Talent, wenn man auf dem Markt überleben will. Ich habe über die Jahre zu viele Autoren erlebt, brillante, großartig talentierte Menschen, die sich so haben zerreiben lassen, dass sie alle Freude am Schreiben verloren haben. Man muss Niederlage um Niederlage einstecken, bis man überhaupt seine ersten Erfolge feiern kann, und wenn man gedacht hat, es gibt nichts Schlimmeres, als anderthalb Jahre warten zu müssen, bis ein Lektor sich für oder gegen ein Manuskript entschieden hat, weiß noch nicht, was im Lektorat auf einen zukommt oder wenn das Buch einmal auf dem Markt ist.

 

Die Kunst besteht nicht darin, alles zu ignorieren, was einem nicht passt – dann kann man nicht wachsen, nicht reifen, nicht dazulernen. Aber man muss sieben, den schmerzhaften Teil der Kritik vom Sinnvollen trennen. Wenn der Lektor sagt »Die Grundidee ist gut, aber so, wie das Buch umgesetzt ist, können wir das nicht machen«, muss man nicht blind das Manskript in die Tonne kloppen und sich einen Strick suchen, sondern schauen: Inwieweit hat der Lektor recht? Was sollte geändert werden? Was bin ich bereit zu ändern? Was will ich auf jeden Fall behalten? Und reichen meine Fähigkeiten aus, um diese Verbesserung jetzt herbeizuführen?

 

Genauso ist der Umgang mit Rezensionen: Natürlich tut ein Verriss weh – aber die Geschmäcker sind verschieden, und jeder hat das Recht, ein Buch nicht zu mögen. Insbesondere, wenn man nicht versucht, es jedem recht zu machen, den Durchschnittsgemack eins zu eins zu treffen und jedem nach dem Mund zu schreiben, muss man damit leben, dass es dann auch nicht jedermanns Sache ist. Wenn man gelassen an Rezensionen herangeht, kann man auch die Punkte aufgreifen, wo ein Kritiker vielleicht recht hat: Natürlich, wenn er die Figuren platt findet, kann man ihm erstmal nicht helfen, das Buch ist fertig und wird nicht mehr verändert – aber wenn man nachvollziehen kann, inwieweit dieser Leser recht hat, kann man es beim nächsten Buch besser machen.

 

Man wächst an Kritik, und ein fremder Blick ist oft besser als der eigene, Schwachstellen aufzuzeichnen. Und nichts ist nur schwarz oder weiß. Ein Leser, der nur vier statt fünf Sternen vergibt, zeigt damit nicht, dass er das Buch gehasst hat. Es war vielleicht nicht das eine großartigste Leseerlebnis in drei Jahren, aber es haben doch viele Elemente gut gefallen – für mich sind die Vier- und Zweisternrezensionen die besten, wenn ich lernen will, wie ich mich verbessern kann. Wenn ich mich geliebt und geschmeichelt fühlen will, lese ich die mit den fünf Sternen. Und wenn ich herzlich lachen möchte, dann schaue ich mir die schäumendsten Einstern-Verrisse an. Einen Leser so gegen sich aufzubringen, das ist schließlich auch mal was.

 

Denn, das darf man nicht vergessen: Es ist das Wechselspiel positiver wie negativer Kritik, die ein Buch rund erscheinen lassen. Das, was immer nur alle loben, wirkt schnell beliebig und suspekt. Bestimmt alle gekauft! Erst, wenn ein paar so richtig miese Verrisse dabei sind, kann man die guten Rezis so richtig würdigen. Und wenn einen immer nur alle andauernd lieb haben – dann wird es doch irgendwie anstrengend, oder?    

Woah, das war klasse, nicht? Noch einmal vielen Dank an Maja, dass sie sich Zeit für meine Fragen genommen hat.

Ihre Bücher kann ich absolut empfehlen und gerade all diejenigen unter euch, die sich gerne gruseln lassen und ein historisches Setting mögen, sollten sich Majas Bücher nicht entgehen lassen.

 

 

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Das erwartet dich nächste Woche:

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