Romane vs Kurzgeschichten - Wie du mit Kurzgeschichten zur ersten Veröffentlichung kommst

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Falls du den letzten Schreibtipp verpasst hast, findest du ihn hier.

 

Kurzgeschichte, Novelle, Roman – die drei gängigsten Formen, mit denen du deine Geschichten erzählen kannst. Allerdings ist der Begriff Novelle in der Unterhaltungsliteratur (was wir schreiben) nicht mehr sonderlich gebräuchlich. Ich selbst bezeichne Novellen gerne als Kurzromane, denn früher war für mich alles unter 200 Seiten kein richtiger Roman. Allerdings mache ich mir da keinen Kopf mehr, ob ein Buch nun 190 oder 399 Seiten hat. Wenn ich ein Buch als Roman bezeichnen will, dann mache ich das auch.

 

Je nachdem, in welchem Genre du schreibst, gibt es andere Längenvorgaben, die von den Verlagen bevorzugt werden. Fantasy z.B. sollte mindestens 80.000 Wörter haben, 130k allerdings nicht überschreiten. Es gibt immer Ausnahmen, aber meine Erfahrung und die anderer Autoren hat gezeigt, dass man ab einer bestimmten Länge Schwierigkeiten hat, sein Buch unterzubringen. Je dicker ein Buch, desto höher die Druckkosten und desto höher der Preis des Buches. Mit 600-Seiten-Schinken hat man es also schwerer bei einem Verlag, als wenn man einen Roman von 400 Seiten einreicht.

 

Alle Angaben sind allerdings ohne Gewähr und natürlich nicht in Stein gemeißelt. Es gibt zum Glück keine Schreibpolizei. ;)

Kurz muss man üben

In der Kürze liegt die Würze, wird oft gesagt. Gerade wir Fantasy Autoren neigen gerne dazu, viel zu viel zu schreiben, bis wir auf einmal vor einem 900-Seiten-Monster sitzen, das niemand lesen wird. Die Annahme, dass ein dickes Buch besser ist als ein dünnes, ist in den allermeisten Fällen falsch. Es gibt wie immer Ausnahmen (Hilary Mantel mit «Wolfhall» ist solch ein Beispiel). Die Regel ist allerdings, dass man oft ein Viertel oder gar ein Drittel streichen könnte, weil zu viel gelabert wird und der Plot nicht vorankommt. Als ich damals «A Dance With Dragons» von G.R.R. Martin gelesen habe – ein wirklich unnötig dickes Buch! – bemerkte ich das einmal mehr. Nur, weil du als Autor viel zu erzählen hast, heißt das noch lange nicht, dass du es erzählen solltest.

 

Ich mache mal ein Beispiel: Für meinen Debütroman «Cesario Aero» habe ich unzählige Stunden für Recherche aufgewendet. Ich weiß so ziemlich alles über das viktorianische Zeitalter und die Jahrhundertwende, ich kenne das Innenleben von Flugzeugmotoren und die gesamte Geschichte von Japan (ich übertreibe nicht wirklich, ehrlich). Ich habe ein alternatives Europa erschaffen, inklusive Kartenmaterial und politischen Konstellationen. Aber habe ich das alles in den Roman eingebaut? Nein. Weil es nicht relevant war für die Geschichte.

 

Aber warum habe ich dann so viel recherchiert und mir so viel Arbeit gemacht? Damit ich meine Geschichte so plausibel und realistisch wie möglich erzählen konnte. Damit ich die Welt kenne, in der meine Figuren leben. 

In dem ich mich auf das Wesentliche beschränkt habe, hatte ich am Ende einen schlanken Roman von 350 Seiten, der in gedruckter Form zwar nicht als Mordwaffe dienen kann, dafür aber in jede Handtasche passt.

 

Sich kurz zu halten und sich nicht in Infodumping und Gelaber zu verlieren, ist schwierig, denn man weiß so viel. Spätestens bei der Überarbeitung solltest du jede Szene kritisch hinterfragen. Werden neue Informationen vermittelt? Kommt mein Plot voran? Entwickeln sich meine Figuren?

Szenen oder gar ganze Kapitel streichen zu müssen tut weh, absolut, aber wenn es dein Buch besser macht, dann ist es den Schmerz wert. Das Entscheidende ist, dass du dich fragst, ob du als Leser dein Buch mit Begeisterung lesen würdest, oder in Versuchung kommst, Seiten zu überspringen bis die nächste gute Szene kommt. Aber das ist bereits ein anderes Thema und wird in einem späteren Artikel behandelt.

Was hat das denn jetzt mit Kurzgeschichten zu tun?

Ziemlich viel, ehrlich! Kurzgeschichten sind, jedenfalls meiner Meinung nach, die Königsdisziplin. Du hast vielleicht nur 10 Seiten zur Verfügung, mehr nicht, und musst eine ganze Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende auf diese wenigen Seiten quetschen. Da überlegst du bei jedem Wort dreimal, ob es nötig ist.

 

Genau deswegen finde ich, dass Kurzgeschichten ideal sind, um dich so richtig am Handwerk auszutoben. Schaffst du es, deine Idee auf ein paar Seiten zu konzentrieren? Wie viel ist wirklich nötig, um eine in sich schlüssige Geschichte zu schreiben?

Bei Kurzgeschichten hast du keine Zeit, um den Leser gemächlich in deine Welt zu führen, die Figuren vorzustellen und die Konflikte aufzubauen. Das sollte alles innerhalb von wenigen Sätzen geschehen, damit du den restlichen Platz für den Plot und die Auflösung hast.

 

Einen Roman kannst du aus einer Kurzgeschichte später immer noch machen, falls du das Bedürfnis danach hast. Ich kenne viele Autoren, die aus einer in der Schublade gelandeten Kurzgeschichte einen Roman entwickelt haben. Ich habe mich selbst schon daran versucht, aber die Projekte sind dann jeweils halbgar in den Tiefen meines Laptops verschwunden. Irgendwie funktioniert das bei mir nicht.

Wie du mit Kurzgeschichten erste Erfahrungen in der Verlagsbranche sammeln kannst

Ich kenne so viele Autoren, die, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlichen konnten, zwischen einer und über einem Dutzend Kurzgeschichten bei Kleinverlagen untergebracht haben. Auch meine allererste Veröffentlichung ist eine Kurzgeschichte. Damals habe ich bereits an meinem Debütroman gearbeitet, aber zwischendurch mein Glück bei Ausschreibungen für Anthologiebeiträge versucht.

 

Viele Kleinverlage suchen mehrmals im Jahr zu einem bestimmten Thema Kurzgeschichten, die in einem Sammelband, einer Anthologie, veröffentlicht werden. In den meisten Schreibforen gibt es sogar eigene Rubriken dazu, wo du alle aktuellen Ausschreibungen auf einen Blick siehst.

 

Als Beispiel habe ich dir die neueste Ausschreibung des Art Skript Phantastik Verlages rausgesucht:

Es ist geschehen, nach vielen anderen Tier- und Insektenarten sind nun auch die Bienen von der Erde verschwunden und mit ihnen fällt langsam das Ökosystem in sich zusammen. Zahlreiche Pflanzenarten sind vor dem Aussterben bedroht, weil die schwarz-gelben Helfer sie nicht mehr bestäubt. Der Schrei nach Rettung ist laut, doch wie ersetzt man einen der wichtigen Helfer der Natur? Kann man Bienen klonen? Gibt es diese Spezies auf anderen Planeten? Können Roboter und Automaten die Pflanzen bestäuben? Hilft sich die Natur selbst und andere Insekten übernehmen die Arbeit der Bienen? Oder liegt die Lösung in uralten Sagen und Legenden versteckt. Kann in einer aufgeklärten Zukunft ausgerechnet „Magie“ die Lösung sein?

 

Für die phantastische Space Opera Ausschreibung „Bienen oder die verlorene Zukunft“ sucht Herausgeberin Grit Richter Kurzgeschichten, die sich mit den oben genannten Fragen befassen, den Stellenwert der Biene in der Natur beleuchten und Zukunftsvision mit Fantasy verbinden. Dafür dürfen die Geschichten auch gerne mit anderen Genres, wie z.B. Krimi gemischt werden.
 

Den kompletten Ausschreibungstext inklusive aller Vorgaben wie Länge, Format und Einsendeschluss findest du hier.

Kleiner Tipp am Rande: Halte dich an die Vorgaben! Besonders die vorgegebene Maximallänge deines Textes sollte nicht überschritten werden. Verlage kalkulieren wegen des Drucks bereits im Voraus, wie viele Beiträge sie annehmen können. Auch Kurzgeschichten sollten überarbeitet sein, mindestens aber eine korrekte Rechtschreibung vorweisen können. 

Solche Wettbewerbe finde ich großartig, denn du sammelst nicht nur Erfahrungen beim Schreiben, sondern auch im Verlagsbusiness. Wenn deine Kurzgeschichte angenommen wird, bekommst du einen Verlagsvertrag, arbeitest zum ersten Mal mit einem Lektorat, kontrollierst Druckfahnen. Und wenn es dann endlich soweit ist, hältst du das erste Buch mit deinem Namen drin in den Händen.

 

Für mich war das damals der Türöffner in die Verlagswelt. Ich habe dadurch tolle Verlage und Verlagsmenschen kennengelernt, habe andere Nachwuchsautoren entdeckt und ja, durfte damals auch schon meine Signatur neben meine Kurzgeschichte kritzeln (was sich unglaublich merkwürdig angefühlt hat!).    

Also wie nun – Roman oder Kurzgeschichte?

Oder irgendwas dazwischen? Jeder Autor wird dir da etwas anderes sagen. Einige können einfach keine Kurzgeschichten schreiben, andere haben sich jahrelang an Romanen abgemüht und finden ihr Glück bei Ausschreibungen.

Ich finde, man sollte beides einmal ausprobiert haben. Manche Geschichten wollen nur 20 Seiten lang werden oder 150, andere fordern eine Trilogie oder gar eine Reihe. Mit Kurzgeschichten kannst du erste Veröffentlichungen erreichen, was dem Autorenherzen unglaublich gut tut, und einen Fuß in der Verlagswelt haben. Aber es ist kein Muss. Jeder Autor tickt da anders.

 

Früher habe ich sehr viele Kurzgeschichten geschrieben, die meisten davon sind grottenschlecht und sind zurecht abgelehnt worden. Heute habe ich fast keine Zeit mehr dafür, aber wenn mich ein Ausschreibungsthema ganz besonders anspringt, dann versuche ich mein Glück. Dafür konzentriere ich mich mehr auf meine Serien, die ja eigentlich aus Kurzromanen bestehen, und auf meine Romanprojekte.

 

Das Wichtigste ist: Worauf immer du auch Lust hast, schreib es. Denk noch nicht dran, ob das Buch mit 150k Wörtern verkäuflich ist oder nicht. Soweit sind wir noch gar nicht. Erst musst du schreiben.    

Ich wünsche dir viel Erfolg dabei!

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Das erwartet dich nächste Woche:

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In dieser Artikelserie zeige ich dir die unterschiedlichen Plotmethoden, was der Unterschied zwischen Gärtnern und Architekten ist und warum man auch ohne Plan seinen Spaß haben kann.